Rotary im deutschen Sprachraum

Die Gründung des ersten Rotary Clubs im deutschen Sprachraum fand am 5. Mai 1924 in Zürich statt. Die Resonanz war ausgesprochen positiv, und rasch entstanden weitere Clubs in anderen Schweizer Städten. So war es kaum verwunderlich, dass bereits 1925 das europäische Büro von Rotary International ebenfalls in Zürich eröffnet wurde, wo es bis heute seinen Sitz hat. Am 19. Oktober 1925 kam Rotary nach Österreich. Als erster Club erhielt der R.C. Wien seine Charterurkunde. Patenclub war der R.C. Doncaster in England. 1927 folgten dann die Clubs in Salzburg und Graz, ehe am 7. Oktober 1927 durch den R.C. San Franzisco der erste deutsche Club in Hamburg gegründet wurde.

Die Ausbreitung Rotarys in Mitteleuropa stand stark im Licht der neuen amerikanischen Reformideen für die Organisation von Wirtschaft und Industrie. Dazu passt, dass bei der Charterfeier des elften Schweizer Clubs, des R.C. Aarau am 14. Januar 1928, ein Gedicht vorgetragen wurde, das mit dem Reim endete:

Hoch die Schweizer-Industrie!
Dreimal hoch der Rotary!“

Während die Schweizer Clubs bereits 1925 einen eigenen Distrikt gründeten, verbanden sich im Juli 1929 die acht deutschen und sieben österreichischen Clubs zum deutsch-österreichischen Distrikt Nr. 73. Zum Gründungs-Governor wurde der deutsche Altkanzler Wilhelm Cuno gewählt, der bereits bei der Gründung des R.C. Hamburg eine zentrale Rolle gespielt hatte.

Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus war eine enorme Herausforderung für die in Deutschland noch junge rotarische Idee. Schon vor der Machtübernahme 1933 war die weltoffene und urbane rotarische Gemeinschaft, die sich im wesentlichen aus der Elite der Weimarer Republik rekrutierte, den kleinbürgerlichen Nationalsozialisten ein Dorn im Auge. Rotarier galten ihnen als Kosmopoliten und Plutokraten. In einer 1932 erschienenen Schmähschrift mit dem Titel „Deutschlands heimliche Herren – Rotaryclub und Herrenclub als Stoßtrupp Judas“, finden sich die folgenden Worte:

Als Mitglieder des 73. Distriktes sind uns die folgenden Namen bekannt: Bankier Melchior, der Kölner Oberbürgermeister Adenauer, der Warenhausjude Alfred Tietz, der Mitinhaber der „Kölnischen Zeitung“ August Neven du Mont, der jüdische Schriftsteller Bruno Frank, der unrühmliche Frankfurter Flachdachbaumeister Ernst May, der jetzt in Russland ist, wo er hingehört (…) Die Verbindungslinien sind also ganz klar: Papenregierung – Rotaryclub – internationales Freimaurertum – Hochfinanz – unbelehrbares Junkertum – Weltregierung des internationalen Judentums."

Die Machtübernahme

Unmittelbar nach der Machtübernahme durch die NSDAP Anfang 1933 wurden die Rotary Clubs ebenso wie alle anderen nichtkommerziellen Vereinigungen in Deutschland, ob Sportverein oder Studentenverbindung, einem erheblichen Gleichschaltungsdruck ausgesetzt, der in erster Linie auf den Ausschluss aller jüdischen und politisch links stehenden Mitglieder zielte. Nach Erlaß des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ im April 1933 kam es in mehreren Clubs zur Zerreißprobe. Sollte man sich auflösen, um dem Druck der Partei auszuweichen, sollte man die jüdischen Mitglieder ausschließen oder sie bitten, im „Dienst an Rotary“ von sich aus den Club zu verlassen?

Je nachdem, wie sich die Mitglieder eines Clubs entschieden, kamen alle diese Varianten zur Anwendung. Zwei Clubs (Heidelberg und Mainz) lösten sich auf. Tatsächlich schrumpfte die Mitgliederzahl der 35 deutschen Clubs von Januar bis Juni 1933 um ein Drittel auf knapp unter eintausend. Der R.C. München verlor allein 26 Mitglieder, darunter 13 Juden, oder bezogen auf die Gesamtzahl 40 % seiner Mitglieder. Die verlorenen Mitglieder waren die freiwillig ausgetretenen bzw. ausgeschlossenen Juden, nichtjüdische Rotarier, die eine Politik der Anpassung an die neuen Herrscher als unvereinbar mit den rotarischen Prinzipien ansahen, aber auch überzeugte Nationalsozialisten oder Opportunisten, die die Auseinandersetzung mit einer feindlich gesinnten Umwelt scheuten. Nur in Ausnahmefällen, erwähnt wird der R.C. Erfurt, haben Clubs bis zur Selbstauflösung 1937 zu ihren jüdischen Freunden gestanden.

Der Stuttgarter Freund Wertheimer hat anlässlich seines Austritts 1934 in einem Brief an den Governor die folgenden Worte geschrieben: 

Dieses Reich und Volk bleiben mein Vaterland und mein Heimatland, das mir innerlich niemand absprechen und nehmen kann und dem ich verbunden war, bin und bleibe, gleichgültig, was geschieht. Genauso ist es mit Rotary. Ich kann wohl sagen, dass Rotary für mich ein wundervolles Erlebnis war und bleibt, wie ich es niemals in meinem Leben für möglich gehalten hätte.“

Erinnerungen eines Nobelpreisträgers

Am Beispiel des Schriftstellers Thomas Mann wird der Ablauf dieser Monate greifbar. Mann war Gründungsmitglied im R.C. München 1928. Er war ein sehr aktiver, hochangesehener Rotarier. Als er 1929 den Literaturnobelpreis bekam, wurde ihm zu Ehren von seinem Club ein Festakt ausgerichtet. Allein im Jahr 1931/32 hielt er in seinem Club vier bedeutende Vorträge und vertrat Rotary 1930 auf der Regionalkonferenz in Den Haag. Zahllose Gastvorträge in anderen Rotary-Clubs in Deutschland und Europa folgten.

Dann überschlugen sich die Ereignisse. Im Februar 1933 hielt Thomas Mann seinen heute berühmten Vortrag über „Leiden und Größe Richard Wagners“ in der Münchner Universität. Thomas Mann war ein glühender Verehrer Richard Wagners. Wegen einiger kritischer Äußerungen zur Person Wagners in dem Vortrag braute sich jedoch ein Unwetter über ihm zusammen, das von seinem rotarischen Clubfreund Hans Knappertsbusch angezettelt war. Mitte April 1933 erschien in den „Münchner Neuesten Nachrichten“ in einem offenen Brief ein „Protest der Richard-Wagner-Stadt München“ gegen die vermeintliche Verunglimpfung Wagners durch Thomas Mann. Unterschrieben hatten diesen Protest 45 hochangesehene Bürger, darunter neben Hans Knappertsbusch noch fünf weitere Freunde aus seinem eigenen Münchner Rotary Club.

Anfang April notierte Thomas Mann in seinen Tagebüchern, bereits im Exil:

Bruno Frank mit kurzen Worten benachrichtigt, dass er – wie auch die anderen Juden – aus der Mitgliedsliste des Rotaryclubs gestrichen ist. Ein neues Zeichen für den Geisteszustand in Deutschland. Sehr unheimlich. Mein Austritt beschlossene Sache. Es fragt sich nur, ob ich auf den Widersinn im Verhalten des Clubs hinweise.“

Am 4. April 1933 schickt der R.C. München ihm das folgende Schreiben:

Sehr geehrter Herr Professor, Ihre längere Abwesenheit von München hindert uns daran, mit Ihnen über Ihre Zugehörigkeit zum hiesigen Rotaryclub zu sprechen. Sie dürften aber die Entwicklung der Dinge in Deutschland genügend verfolgt haben, um zu verstehen, dass wir es für unvermeidlich halten, Sie aus unserer Mitgliedsliste zu streichen. Mit vorzüglicher Hochachtung, Rotary Club München, der Präsident.“

Das Tagebuch vom 8. April 1933:

Ich erhalte vom RC München denselben Brief mit der trockenen Mitteilung der Streichung meines Namens wie Frank. Erschütterung, Amüsement und Staunen über den Seelenzustand dieser Menschen, die mich – eben noch die “Zierde“ ihrer Vereinigung – ausstoßen. Wie ist der Beschluß dieser Ausstoßung zustande gekommen?“

Bis heute gibt es keine veröffentlichten Dokumente, die den Druck der Partei auf Rotary bzw. auf den R.C. München am „Ort der Bewegung“ belegen, jüdische und andere missliebige Mitglieder auszuschließen. ln der Clubchronik des R.C. München von 1978 heißt es: “Die erste schwere Stunde der Prüfung kam, als der Vorstand des Clubs von der Partei unter Druck gesetzt wurde, verschiedene Mitglieder, insbesondere die Juden auszuschließen und über die Maßnahmen den Mitgliedern gegenüber Stillschweigen zu bewahren“. Andere Qellen besagen, dass Clubmitglieder Drohungen übermittelten, wonach „gegen den Rotary-Klub unmittelbar Maßnahmen bevorstünden und dass, wenn bis nächsten Montag (10. April) der Klub nicht gleichgeschaltet und wegen der Juden und Marxisten nichts unternommen würde, eventuell mit Schutzhaft gegen den Rotary-Klub vorgegangen würde“.

Letzte Jahre und Selbstauflösung

Nach dem Ausschluss bzw. Austritt der Juden und der dagegen protestierenden Freunde begann Mitte 1933 eine relative Ruhephase im Verhältnis zwischen Rotary und Staat; bis 1937 wurden sogar noch acht neue Clubs gechartert. 1936 erklärte der Distrikt 73 offiziell die Clubs im Deutschen Reich für „judenrein“. Dennoch blieb der Argwohn der Partei. Im Juni 1937 erging ein Erlaß des Reichsinnenministeriums, wonach alle Beamten und NSDAP-Mitglieder aus Rotary auszuscheiden hatten. Der Governor, Hugo Grille, versuchte mit allen Mitteln gegenzusteuern, u.a. mit einer Denkschrift an das Reichsinnenministerium, die man im Rückblick nur als Dokument der Unterwerfung bezeichnen kann.

Es fruchtete nichts. In einer am 4. September 1937 nach Berlin einberufenen Distriktkonferenz – zwei Gestapovertreter waren offiziell eingeladen und anwesend – wurde die freiwillige Auflösung von Rotary in Deutschland zum 15. Oktober 1937 erklärt. Am 13. Oktober ermächtigte Governor Grille offiziell die Gestapo, alle bei den örtlichen Clubs vorhandenen Unterlagen wie Mitgliederverzeichnisse, Personalakten, Schriftwechsel usw. „zu treuen Händen“ zu übernehmen. Ende 1937 wanderten auf diese Weise über 300.000 Seiten in die SD-Archive. Auf Basis der Dokumente wurden spezielle Fahndungslisten erstellt, die beim „Anschluß“ Österreichs ein halbes Jahr später zur Anwendung kamen.

Bis zur Rekonstituierung der ersten Clubs nach dem Krieg war damit das vorläufige Ende der rotarischen Bewegung in Deutschland und (nach dem 13. März 1938) auch in Österreich besiegelt. Einige Clubs trafen sich weiter unter unverfänglichen Decknamen, so z.B. der R.C. Kiel als Freitagsgesellschaft oder die Darmstädter Ex-Rotarier als "Club der Freunde von 1931" bis zur Zerstörung der Stadt durch alliierte Bombenangriffe im September 1944.

Die nach Jahren des Verbiegens und der Anpassung schließlich erfolgte Selbstauflösung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die deutschen Rotarier sich in ihrer Mehrheit schon 1933 von den rotarischen Prinzipien verabschiedet hatten. Den Anspruch an sich selbst, grundsätzlich über den Konfessionen, Religionen, Weltanschauungen, Nationalitäten und Hautfarben zu stehen, hat Rotary in Deutschland nach 1933 in der Gesamtheit nicht einlösen können.

Stunde Null

Am Beispiel des R.C. Garmisch-Partenkirchen lässt sich die frühe Nachkriegszeit verfolgen. Am 25. Juni 1945 findet sich der erste Eintrag im Gästebuch des Clubs nach fast acht Jahren:

"Von September 1937 bis zum Zusammenbruch des Nationalsozialismus war Rotary verboten. Die gelegentlichen Zusammenkünfte konnten nicht schriftlich festgehalten werden."

Und mit Datum vom 28. Juni 1945:

"Im Bräustüberl versammeln sich zum ersten Meeting nach dem Krieg 22 Herren, darunter der amerikanische Kommandant Allan S. Lund, Landrat Hans Ritter und Bürgermeister Georg Schütte."

Ab September 1945 finden wieder regelmäßige Treffen statt, aber erst im August 1948 gründen 16 Herren den R.C. Garmisch-Partenkirchen neu. 1949 erhalten die Clubs in Frankfurt/Main, Hamburg, Hannover und Stuttgart als erste Clubs in Deutschland in einer gemeinsamen Feier ihre Charterurkunden mit den ursprünglichen Nummern zurück.

In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich die rotarische Bewegung im deutschen Sprachraum mit beeindruckendem Tempo. Auch ihr Charakter wandelte sich vom elitären Herrenclub zum breit verankerten Dienstclub, wie wir ihn heute kennen. Lediglich auf dem Territorium der Deutschen Demokratischen Republik kam es erst nach dem Fall der Mauer 1989 zu einer Wiederbelebung der rotarischen Tradition.

Heimkehr in den Osten

Am 17. Januar 1990 trafen sich alle deutschen Governors in Frankfurt am Main, um ein Konzept für die Rückkehr Rotarys in die DDR zu erarbeiten. In der Tat gibt es zwei Clubs, die noch vor dem Ende dieses Staates gegründet wurden: im März 1990 der R.C. Leipzig nach einer Zwangspause von 61 Jahren und wenige Tage später, ebenfalls in Leipzig, der R.C. Leipzig-Centrum. Interessanterweise wussten die Initiatoren beider Clubs nichts voneinander, was etwas über den chaotischen Charakter jener Tage verrät.

Heute umfassen die 14 deutschen Distrikte ca. 48.500 Mitglieder in 962 Clubs. In den beiden österreichischen Distrikten gibt es über 220 Clubs mit ca. 8.800 Mitgliedern. In der Schweiz und in Liechtenstein sind die deutschsprachigen Rotarier in zwei Distrikten mit rund 135 Clubs und ca. 7.600 Mitgliedern organisiert. Im deutschen Sprachraum existieren somit mehr als 1.300 Clubs mit fast 70.000 Mitgliedern.

Vor allem die Clubs im früheren deutsch-österreichischen Distrikt 73 zeichnen sich bis heute durch einen Charakterzug aus, der noch auf den ersten Governor Wilhelm Cuno zurückgeht. Er hatte der jungen rotarischen Bewegung die Tradition der hanseatischen Clubs in die Wiege gelegt, die sich immer durch ein vertrauensvolles Wirken der Mitglieder füreinander auszeichneten. Rotarys Vier-Fragen-Probe ist nach diesem Selbstverständnis wichtiger als Wachstum und ein gutes Abschneiden in der Spendenstatistik. Auch der R.C. Moskau Humboldt fühlt sich dieser Tradition verpflichtet.

(zusammengestellt v. Dr. T. Fasbender, R.C. Moskau Humboldt)

Quellen

  • Gaudenz Baumann, R.C. Aarau, "So kam Rotary in die Schweiz"

  • PDG Günther Perner, Ansprache anlässlich der Festveranstaltung "100 Jahre Rotary" im Weißen Saal der Grazer Burg am 21. Mai 2005

  • Ottfried Dascher, R.C. Dortmund-Westentor, "Nach Taten, nicht nach Worten soll man Freunde wägen"

  • Dr. Hans-Jörg Franzius, R.C. München-Königsplatz, "Rotary in Deutschland 1927 – 1937"

  • Friedhelm Wachs, R.C. Leipzig-Brühl, "Nach dem Fall der Mauer. Rückkehr in den Osten"


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